I. Der Sturm bricht los
Turin, die damalige Residenz des Königs von Italien in den sechziger Jahren, machte zuerst durch ihr geradliniges, nach der Schnur auslaufendes Straßensystem, durch ihre absichtliche und feierliche Symmetrie und durch die zahlreichen und in ruhigeren Tagen auffällig wohldisziplinierten Volksmassen, die sich auf den Plätzen, in den Hauptstraßen und ihren Arkaden auf und nieder bewegen, den Eindruck einer regelmäßigen und vornehmen Schönheit, aber man vermißt sogleich den naturwüchsigen und nationalen Charakter, wie er anderen italienischen Städten eigen ist. Man wird hier, wie ein trefflicher Kenner italienischer Zustände sagt, an den prachtvollen systematischen Stil erinnert, in dem Louis Napoleon den Umbau von Paris geleitet hat, und zugleich sieht man auf allen Wegen und Stegen das französische Muster, nach dem in Turin das neue Italien gewirkt ward, hervorblicken. Die moderne polizeiliche Vorsehung, die auf den Straßen Turins so sichtlich hervorsticht, hat auch die Masken des italienischen Straßenlebens, nämlich die – Bettler, denen man sonst überall in Italien begegnet, fortgefegt. Es kann dies allerdings nur einen höchst behaglichen Eindruck gewähren, aber gleichwohl ist die Bettelei so sehr ein Attribut der italienischen Nationalität geworden, daß man sich unwillkürlich wundert, diesen tollen Karneval des Elends, der im übrigen Italien stehend geworden ist, hier nicht