Das Kreuz auf der Stirn
In den folgenden Seiten veröffentliche ich ein Manuskript, das mir durch einen Zufall in die Hände geriet. Ich kaufte bei einem Fliegenden Buchhändler Ecke Potsdamer Straße und Lützowstraße einen uralten, Schmöker, an dem mich eigentlich nur der Einband reizte. Daheim entdeckte ich, daß hinten in dem Buche Blätter modernen Papiers eingeheftet waren, die mit einer überaus zierlichen Schrift bedeckt waren. Ich las, – und was ich las, fesselte mich derart, daß ich es hier mit geringfügigen Abänderungen wörtlich wiedergebe. – Meine Bemerkungen zu den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen eines Mörders von seltenem Raffinement will ich dem Leser durch Einrücken besonders kenntlich machen. * * * Das Tagebuch lautet: In einer deutschen Stadt, Juli 1924. Mein Name soll geheim bleiben, muß es bleiben. Und ich hoffe, daß dieser mein erster schriftstellerischer Versuch mir keine Ungelegenheiten bereiten wird. Ich lege keinen Wert darauf, wegen Mordes angeklagt zu werden. Das wären nämlich die Ungelegenheiten. Ich bin von Beruf Maler. Einer jener Maler, die Dutzendware liefern. Ich werde es auch nie weiterbringen, denn mir fehlt zum wahrhaft großen Künstler das Genie. Ich bin nur Handwerker. – Im April dieses Jahres bezog ich ein neues Heim draußen in der Vorstadt in einem älteren, einstöckigen Hause, das nur vier Mietsparteien beherbergte. Der Wirt, ein alter Herr namens Winter (er hieß