Chapter

Nach dem höheren Gesetz

Es sind nun viele Jahre her, seit die arme Esther zu ihres Vaters Füßen verschieden ist, und auch Moses Freudenthal ist lange tot. Aber das große, weiße Haus an der Heerstraße, das nun dem Rabbi von Sadagóra zugehört, steht noch heute so stolz und stattlich da wie zur Zeit, da der harte, unglückliche Mann darin hauste. Über dem Tor hängt jetzt ein eirundes Blechschild, da ist auf gelbem Grund ein schwarzer Adler gemalt, und rings steht die Umschrift: »K. K. Bezirksgericht«. Denn da, wo einst Moses um seine Tochter getrauert, werden jetzt die ruthenischen Diebe verhört, die polnischen Betrüger und die jüdischen Wucherer. Das ist im Erdgeschoß zur Rechten, zur Linken aber besteht noch der Laden, den Moses geführt, nur zeigt das Schild einen anderen Namen: »Nathan Silbersteins Spezereiwarenund Weinhandlung«. Das »W« in »Wein« ist klein, und in »Spezerei« steht statt des »z« ein »s«, das ist aber nur die Schuld des kleinen, buckligen Janko, der das Schild gemalt hat. Im ersten Stockwerk hat sich unter dem neuen Besitzer fast gar nichts geändert, da wohnen, wie bei Moses, der Bezirksarzt zur Miete und der Bezirksrichter. Nur daß der Bezirksrichter ein anderer geworden ist, nicht mehr der gelbe, magere Herr Hippolyt Lozinski, sondern Herr Julko von Negrusz. Er ist der Amtsnachfolger des Herrn von Lozinski, aber in allen Stücken anders als dieser. Herrn Lozinskis ewige Zielscheibe

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