Chapter

Ein Stiller September

Mara war Lukas' beste Freundin, seit sie drei waren. Sie waren zwei Straßen voneinander entfernt aufgewachsen. Sie waren in dieselbe Krippe gegangen, in dieselbe Grundschule, in dieselbe Nachmittagsgruppe. Sie waren beide die Sorte kleines, beobachtendes Kind gewesen, das bemerkt, was andere Kinder nicht bemerken. Sie hatten einander früh erkannt. Mara war immer still gewesen, aber sie war nicht stumm gewesen. Mit Lukas war sie sehr gesprächig gewesen. Mit Lehrern hatte sie auf Fragen geantwortet. In Klassenstücken hatte sie kleine Rollen gehabt. Sie hatte das Rampenlicht nicht geliebt, aber sie hatte es geschafft. Im September der sechsten Klasse änderte sich etwas. Am ersten Schultag hatte Lukas Mara am Tor guten Morgen gesagt. Mara hatte ihn mit denselben freundlichen Augen angesehen wie immer, aber sie hatte nicht geantwortet. Sie hatte genickt. Er hatte gedacht, sie sei müde. Am Ende der ersten Woche hatte Mara mit niemandem in der Schule gesprochen. Mit keiner Lehrerin. Mit keinem Mitschüler. Nicht einmal, als sie gefragt wurde, mit der Frage, wo sie wohne oder in welcher Klasse sie sei. Sie hatte genickt, den Kopf geschüttelt, manchmal gezeigt. Sie hatte kein einziges Wort gesagt. Außerhalb der Schule — Lukas wusste das, denn sie gingen zusammen nach Hause, denn er war am Samstag bei ihr zu Hause gewesen — war Mara völlig normal. Sie sprach mit ihrer Mutter. Sie

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