Erster Brief
Graf Heinrich Lehnburg an den Grafen Paul Welsthal. St. Lambrecht 3. Juli 1876. Erschrick nicht, lieber Paul, wenn du diesen Brief öffnest und meine Unterschrift liest. Er enthält kein letztes Lebewohl und die traurige Mittheilung, dass ich mir wegen drückender Schulden oder aus unglücklicher Liebe eine Kugel durch den Kopf gejagt habe. Nein, lieber Freund, mein frommer Oheim hat neuerdings meine Schulden gezahlt, so dass ich seit der Einlösung meines letzten Wechsels keinen Busenfreund mehr habe, der Abraham heisst, und den ich als Retter in der Noth an mein Herz schliesse, mit der jesuitischen Reservatio mentalis, eine halbe Stunde später ein warmes Bad zu nehmen. Da ich aber erst drei und zwanzig Jahre alt bin, hat der Oheim leider noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, mich zu bessern und mich hierher auf sein grosses Gut in die Verbannung geschleppt, wo allerdings die den guten Sitten so unentbehrlichen bösen Beispiele gänzlich mangeln, so dass ich gar keine Gelegenheit habe, mich in den dummen Streichen, zu denen ich eine so grosse Anlage besitze, weiter auszubilden. Es ist hier bei der Abgeschiedenheit, in der wir uns befinden, auch nicht zu der kleinsten unglücklichen Liebe Gelegenheit, und obwohl ich erst seit drei Tagen hier bin, langweile ich mich doch schon so entsetzlich, dass ich mich entschlossen habe, dir zu schreiben und so endlich das Versprechen zu