Chapter

Das goldene Ringlein

Die Herbstsonne warf ihre scheidenden Strahlen eben auf die waldigen Abhänge des Kamm in Obersteier, der seinen goldumschimmerten Gipfel stolz in dem ruhig spiegelnden Schwarzensee beäugelte. Tiefe Stille lag über das ganze kühle Putzental mit allen seinen Verzweigungen und Nebenkesseln ausgebreitet. Von den Inneralpen herüber erscholl kein Herdengeglock mehr, denn die Alpe war bereits »aufgelassen«. Nur der Neualpenbach rauschte von den nördlichen Vorbergen herab mit dumpfem Gebrause in den See und belebte die unendliche Einsamkeit. Das Gold auf den Höhen erblaßte mehr und mehr; ein violetter Duft umsäumte den Rand der Gebirge, und die durchsichtige Kristallhelle des Horizontes ging allmählich in ein dämmeriges Tiefblau über. Die Lust wurde kühler; einzelne Windstöße pfiffen aus den Felsklüften am Ufer her, und schwere, weißlichgraue Wolken wälzten sich über den Lercheckspitz im Süden und rangen und wogten um sein Horn und senkten sich in seine Einsattelungen nieder, als ob sie dort ihr Nachtlager halten wollten. Der See fing zu murren und seine Wogen zu kräuseln an, und im Tale dunkelte es früher als gewöhnlich. Bangen Herzens trat Rosel aus der Fischerhütte, die knapp am westlichen Ufer des Sees stand, und spähete rechts und links und betrachtete mit ängstlichen Blicken die aufsteigenden Wolken. Wie eine schwere Ahnung drückte es die Brust des Mädchens, und sie atmete tief

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