I
Seit langen Jahren hatte Hermann Fabricius seinen alten Freund Heinrich Warren aus den Augen verloren – und vergessen. Doch hatten sich die beiden auf der Universität sehr lieb gehabt und sich zu verschiedenen Malen »ewige Freundschaft« geschworen. Das war zu einer Zeit, die noch nicht alt ist, aber doch schon fern hinter uns zu liegen scheint, als junge Leute noch an »ewige Freundschaft« glaubten und sich für eine große Tat oder einen großen Gedanken begeistern konnten. – Die heutige Jugend ist vernünftiger. – Fabricius und Warren waren, noch als Studenten, kindlich unvernünftig gewesen und hatten sich, nicht nur in dem Rausch, in dem sie Brüderschaft getrunken, sondern auch später noch, im nüchternen Zustande, fest eingebildet, daß sie während des ganzen Lebens nebeneinander her gehen würden, und daß sie nichts voneinander trennen sollte. Der harmlose Wahn hatte nur kurze Zeit gedauert. Das Leben hatte die beiden, als sie kaum Männer waren, mit strenger Hand gepackt und den einen nach Westen, den andern nach Osten geschleudert. – Sie hatten sich noch ein paar Monate lang häufig und ausführlich geschrieben, sie hatten sich auch noch einmal gesehen. Dann waren sie voneinander geschieden, die Briefe waren seltener und kürzer geworden – und schließlich ausgeblieben. Man kann einen Freund sehr lieb haben, und doch nicht Zeit finden, ihm zehn Zeilen zu schreiben; während man