1. Kapitel
Der Gymnasialprofessor Heinrich Loßner ging aufgeregt in seinem Arbeitszimmer auf und ab, murmelte ärgerliche Worte vor sich hin und schwenkte dabei des öfteren einen Brief in der drohend erhobenen Rechten, den er soeben gelesen hatte und dessen Umschlag, säuberlich aufgeschnitten, auf der Schreibtischplatte lag. Die Adresse dieses Briefes lautete jedoch merkwürdigerweise nicht auf den hageren, graubärtigen Schulmann, sondern „Herrn cand. med. Erwin Loßner, z. Zt. Berent, Westpr.“ Und dies war des Professors ältester Sohn. – Loßner, der Ältere drückte jetzt auf den Knopf der elektrischen Hausleitung. Bald darauf erschien ein rotwangiges, derbes Mädchen, das noch einen Kochlöffel in der Hand hielt. „Herr Professor wünschen?“ „Ist mein Sohn Erwin zu Hause?“ fragte er unfreundlich. „Nein. Der junge Herr ist vor einer halben Stunde in die Stadt gegangen. Aber Herr Max sitzt auf seinem Zimmer und arbeitet – wie immer!“ Dem sonst so hellhörigen Schulmann entging heute die leise Geringschätzung, die die langjährige Köchin des Hauses Loßner in die beiden letzten Worte legte. „So soll Max zu mir kommen,“ befahl der Professor nach kurzem Nachdenken. Das Mädchen verschwand, und Loßner trat nun an das offene Fenster und schaute mit gekrauster Stirn auf die Straße hinaus, die im hellen Mittagssonnenglanz eines klaren Julitages dalag. Spatzen balgten sich auf dem holprigen Pflaster um ein