Chapter

Die Erben auf dem Murrnhof

Der Abend ist so hell und still wie selten einer im Jahr. Es ist, als ob auch die Natur das Auferstehungsfest des Christengottes feierte. Bei Sonnenuntergang haben die Bergriesen ihre Nebelkappen abgetan. Nun heben sich die entblößten weißen Häupter prachtvoll und feierlich von dem dunklen Himmelsblau ab, welches im Westen mit dem leuchtendsten Gelb verschwimmt. Die Bergnebel aber sind wie durch ein Wunder zu einer rotgoldenen Wolke geworden, welche jetzt gerade über dem nächtigenden Waldtale steht und einen zarten Rosenschimmer auf das Kirchlein von Sankt Egyd hinabwirft. Mit den ewigen Sternen zugleich erstrahlten in der Taltiefe wohl hundert winzige Lichtlein. Das ist die österliche Festbeleuchtung der Häuser von Sankt Egyd. Durch die breite Bergluke im Süden tönt jetzt tiefes, leises Glockengetön in die stille Waldlandschaft herein. In dem Tale wird es kaum zu vernehmen sein, aber hier oben auf der freien Höhe des einschichtigen Murrnhofes hört es selbst die uralte Bäuerin. Die stand bisher betend an dem offenen Stubenfenster. Aber jetzt geht sie hinaus vor das Tor unter den Eichbaum, um sich zu überzeugen, ob sie denn auch recht hörte. Sie ist schon sechzig Jahre lang hier oben Hausfrau, und seit dieser Zeit vernahm sie nur einmal die Domglocken der acht Meilen fernen Hauptstadt. Das war am ersten Auferstehungsabende, welchen sie mit ihrem geliebten Manne verbrachte.

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