Im Spiegel
Wenn ich das Haus denke, darin ich meine Kindheit verlebte, meine ich, daß ich mir die peinliche Selbstbespiegelung füglich ersparen könnte, sofern es mir gelänge, dessen Seele aufzudecken; denn mir scheint, daß dann alles klar werden müßte, was mein Leben angeht und meinen Weg bestimmte. Dieses Haus war klein und von vielen Fenstern erhellt; aber in meiner Erinnerung steht es weiträumig und reich an dunkelm Geheimnis, und eigentlich trennte der breite Gang, der gradaus von der vorderen zur hinteren Haustür lief, zwei Welten: Auf der Sonnenseite die kleinen hellen Zimmer, wo man aß, lebte, lernte, musizierte, wo Mutter uns drei Schwestern an den Nachmittagen unterrichtete und uns des Abends Geschichten erzählte oder aus den großen Dichtern vorlas. Hier verkehrten die heiteren Gäste, und wohl niemals haben Wände herzlicheres Lachen wiedergegeben und flammendere Begeisterung gesehn als die weiß und rosenrot gestrichenen dieser Sonnenzimmer. Jenseits des Korridors aber, auf der Schattenseite, lagen die großen, dunkelbraunen Stuben. Oben die stillen, wo man die Nacht verbrachte, unten die geheimnisbelebten, wo neben dem gewaltigen Schreibtisch der rätselhaft bewegliche Lederstuhl thronte, wo wändelang die funkelklaren Glasgefäße standen, wo auf schlichten Bänken bedrückte Menschen warteten. Und wohl kaum je haben Räume mehr Menschenschicksal erlebt als diese verschwiegenen braunen