1. Im Land der Armut
Es war Samstagmittag vor Fastnacht. Draußen, hart am Waldrand und fast eine halbe Wegstunde vom Dorf Hohenthal entfernt, erhob sich auf steiler Halde eine finstere, rußgeschwärzte Gebäudemasse, in deren Mitte eine rauchende Esse zum Himmel ragte: das Kohlenbergwerk ›Gottes Segen‹. Eine Glocke läutete – die Schicht war zu Ende. Im Förderhaus wurde der Personenaufzug mit der Maschine gekoppelt, und bald entstieg dem schwarzen Schlund eine Schar kohlenstaubbedeckter Männer, die seit Mitternacht tief unter der Erde gearbeitet hatten, um an der Oberwelt ihr Leben fristen zu können. Andre fuhren an ihrer Stelle ein. In den ärmlichen Dörfern des sächsischen Erzgebirges wohnen gläubige Leute. Die Männer der Feierschicht sammelten sich um den Steiger und falteten die Hände. Er sprach ein kurzes Dankgebet, daß Gott sie während der letzten zwölf Stunden gnädig beschützt hatte, und dann stimmten die rauhen Kehlen ein Kirchenlied an; »Was Gott tut, das ist wohlgetan – so wollen wir stets schließen. Ist gleich bei uns kein Kanaan, wo Milch und Honig fließen, so wird von Gott doch unser Brot zur G'nüge dem bescheret, der ihm traut und ihn ehret.« Als das letzte Wort verklungen war, begaben sich die Leute zum Zahlmeister, um sich den Wochenlohn zu holen. Nur einzeln durfte man in das Zimmer des Beamten kommen. Er war ein wortkarger, menschenfeindlicher Mann, der jedem Eintretenden das Geld