Chapter

Der Vorabend

Mit zartem Griff nahm sie eine der Rosen, die er ihr gebracht, aus dem Glas. Die Rose war tiefrot, gegen die Mitte des Kelches zu fast schwarz, und ein heißer Duft strömte ihr daraus entgegen. Ein Duft, der süß war und doch auch wieder herb. Es war der letzte Tag vor ihrer Hochzeit. Draußen verdämmerte ein schwüler Juliabend. Fernes Wettergeleucht umzuckte den Horizont, und die Stadt lag wie in einem violetten Nebel, der immer dichter wurde, immer schwerer, daß einzelne Konturen dahinter verschwanden, andere fast ungeheuerliche Formen anzunehmen schienen. Während die Menschen in eine Dämmerung hineinschritten, die trostlos war und doch zugleich auch etwas geheimnisvoll Lockendes hatte. Wie das Gewitter, das dahinter stand und den Tod bringen konnte, oder die Schauer einer unsäglichen Erquickung. Und morgen war ihr Hochzeitstag... Mit zitternder Hand setzte sie die Rose in das Glas zurück. Süß und herb war ihr Duft, strömte es auch aus ihrer Seele, wie sie dastand und in Gedanken sich hingab. Noch Jungfrau und doch schon das geweckte Weib. Denn sie liebte ihn, der morgen ihr Gatte werden sollte, und in ihren Pulsen fieberte schon etwas von dem heißen Atem der Nacht, die auch ihre Kelche ganz erschließen würde. Und dann ging es immer weiter, immer tiefer hinein in das violette Dämmerland der Leidenschaft... Ob er immer derselbe bleiben werde, den sie jetzt in ihm liebte? Aber sie

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