Daniel Siebenstern
Es war eine echte gerechte Sonnenglut. Wer es mit oder ohne Opfer hatte möglich machen können, war aus Berlin verschwunden und lag an fernen Quellen im kühlen Schatten und pumpte sich den Staub aus Brust und Herzen, oder schluckte fremden Staub und fremde Hitze und bildete sich ein, Sommerfrische zu genießen. Auf jeden Fall aber war er fort aus Berlin – und mein Verhängnis zwang mich zum Bleiben. Man könnte überhaupt viel angenehmer leben, wenn das »Verhängnis« nicht wäre. Eines Abends schlenderte ich aufgelösten Geistes die Bellealliancestraße entlang, ohne Willen, ohne Vorsatz und ohne Lebenslust, das beklagenswerte Opfer widriger Pflichten – da leuchteten mir durch das eiserne Gitter des Kirchhofes grüne Bäume und Sträucher so verlockend entgegen, daß ich kurz entschlossen eintrat, in der Hoffnung, dort ein wenig Kühlung zu finden. Dies schlug allerdings fehl, denn die allmächtige Sonne hatte auch in dem Schatten der Bäume brütende Schwüle verbreitet: allein es zog mich doch an, dieses Gräberfeld zu durchwandern; es entsprach meiner Stimmung und erleichterte meine Seele. Gebrochene Säulen, Kreuze und Steintafeln von allen Arten, dunkle, trübselige Cypressen und rankender Epheu, der alles umspinnt – wer kennt nicht den Charakter eines solchen Ortes! Ich ging umher und las die Inschriften. Welch eine Unsumme von Tugend lag hier begraben! Mir gingen verschiedene ehrenwerte