Chapter

Clotilde

Clotilde. Novelle von L. Herbst. Schon etwa fünfzehn Jahre ist es her, daß ich Clotilde zum ersten Male sah, doch ich kann zuweilen träumen und denken, es sei erst neulich gewesen: so tief war der Eindruck, den sie auf mich machte. Bei ihrem Oheim und Vormund war’s, einem reichen Handelsherrn, der draußen vor Berlin eine Villa bewohnte; die eleganten Räume strahlten an jenem Abend von unzähligen Flammen, denn der alte Herr gab ein Fest. Ich beobachtete von einer Nische aus die glänzende, heitere, plaudernde, hin und her ziehende Menge, bald aber hafteten meine Blicke wie bezaubert auf einer wahrhaft edlen Mädchengestalt, die, alle ihre Gefährtinnen überragend, in meine Nähe kam. Die tiefen, dunklen Augen, voll Geist und voll Milde, die regelmäßig schönen, weichen Formen des ovalen Gesichts und die leuchtenden Farben bezauberten mich förmlich. Ebenso auffallend war die Anmuth ihrer Bewegungen, die bescheidene und doch fast majestätische Haltung ihrer vornehmen Gestalt. Ein junger Mann näherte sich ihr, den man mir kurz zuvor als Herrn Rudolph von Brauneck vorgestellt hatte. Sein Anblick – Herr von Brauneck war ebenso elegant wie schön – trieb ihr eine flüchtige Röthe auf die Wangen; ich wußte noch nicht, warum. Er flüsterte ihr einige Worte zu; sie lächelte so lieblich, daß es mich bewegte. Nach einer Weile bot er ihr den Arm und führte sie an den geöffneten Flügel; er setzte

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