Erstes Kapitel
1 Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen Jünglingsjahren beständig unterwegs, von einer Hauptstadt Europas zur andern, von einem Landsitz seiner Freunde zum andern. Er stammte aus einem österreichischen Geschlecht, das in Mähren begütert war. Mit seinem vollen Namen hieß er Bernhard Gervasius Crammon von Weißenfels. In Wien besaß er ein schön eingerichtetes kleines Haus. Zwei ehelose alte Damen betreuten es, Fräulein Aglaja und Fräulein Konstantine. Es waren entfernte Verwandte von ihm, aber er hing an ihnen wie an leiblichen Schwestern. Sie ihrerseits liebten ihn mit nicht geringerer Zärtlichkeit. Eines Nachmittags im Mai saßen sie beide am offenen Fenster und blickten sehnsüchtig die Straße hinab. Er hatte seine Ankunft brieflich gemeldet, und es war schon der vierte Tag, daß sie ihn vergeblich erwarteten. Sooft ein Wagen um die Ecke bog, streckten sie gleichzeitig die Hälse über das Sims. Als es dämmerte, schlossen sie das Fenster und seufzten. Konstantine faßte Aglaja unter den Arm, und so gingen sie durch die geschmückten Räume, die in blinkende Bereitschaft gesetzt waren. Sie betrachteten sinnend die Gegenstände, die an ihn gemahnten und von denen ihm jeder einzelne teuer war, weil ihn ein Erlebnis oder eine Erinnerung damit verband. Da war der ziselierte Pokal aus dem fünfzehnten Jahrhundert, den ihm der Marquis d'Autichamps