Charlotte Venloo
Die meisten Häuser alter und neuer Städte sagen uns weiter nichts, als: Ich habe eine Thür und so und so viele Fenster. Einige sagen uns: Ich bin von Adel; oder: Ich bin schön; oder: Ich bin Millionen werth. Es giebt noch einige andere – sie sind selten – diese besitzen mehr als vornehme Herkunft, mehr als Reichthum und mehr als Schönheit, sie haben eine Seele; sie durchathmet Stein und Mörtel und zieht uns an wie ein Magnet. Ein solches Haus befindet sich in einer der engsten Straßen von Brüssel, welche hinter der Universität in sanfter Steigung sich zum höhern Terrain hinanzieht. Jenes Haus ist sehr breit und hoch, so hoch, daß man, um den Ansatz des Daches zu sehen, den Kopf ganz auf den Nacken legen muß. Es hat, abweichend von der Bauart der alten brabantischen Häuser, keinen Giebel; eine Reihe niederer, eng beieinander stehender Fenster bildet gleichsam ein durchgittertes Fries, denn sie liegen dicht unter dem Dache. Dann kommt ein großer Zwischenraum, ein Zwischenraum, welchen bequem ein Stockwerk ausfüllen könnte. Noch tiefer und nicht ganz aus der Mitte der Façade tritt einsam und schwermüthig ein Erker mit sechs hohen Spitzbogenfenstern hervor, deren Einfassung sich zu einem Bündel schlank aufstrebender Säulen vereinigt. Diese sind von einer steinernen, mit halbverwischten Farben bemalten Blumenkrone zusammengehalten, aus welcher die Enden der Säulen, gleich