Adrast und Admet
Justinian und Theodora herrschten in Constantinopel und über die Länder des Orients. Es war eine Zeit der Knechtschaft und Genußsucht, eine Zeit der Gewalt und Heuchelei. Das junge Christenthum mit den Keimen alles Guten, um die Menschheit einem bessern Zustande entgegenzuführen, war in den Staatsdienst getreten, und ganz und gar veräußerlicht geworden. Spitzfindige Auslegungen, unterschobene Bücher auf der einen Seite, auf der anderen die niederträchtigste Habsucht, das rücksichtsloseste Vorgehen, in der Absicht die Güter der heidnischen Tempel zu plündern, Angeberei und Proselytenmacherei und das erbärmlichste Kriechen vor der weltlichen Gewalt, um sie als Deckmantel von Verbrechen zu benützen, das charakterisirt die Physiognomie jener Epoche. Justinian war gern bemüht, wie er die Rechtswissenschaft in ein Buch der Dogmen gesammelt hatte, auch die Dogmen des Glaubens zu einer Staatssache zu machen und ihrem Vollzug den Arm der strafenden Gerechtigkeit zu leihen. Theodora betete und zog alle wallfahrenden Magdalenen in ihre Umgebung; die Juden handelten mit christlichen Heiligenbildern, und diejenigen Christen, welche für heilig gelten wollten, handelten mit Glaubensartikeln. Ein zweiter Faktor der Umgestaltung des alten Kulturzustandes und eines neueren und frischeren Lebens, die germanische Völkerkraft mit ihrer ungebändigten Freiheitslust und ihrem ursprünglichen Sinn für