1. Kapitel: Das Kapuzineräffchen
An jenem Junivormittag, als der körperlich und seelisch völlig zusammengebrochene holländische Großkaufmann van der Dymen uns besuchte, hatte Harald gerade hinten im Garten das Spalierobst gekalkt, während ich in meinem Wohnzimmer, das dem seinen nur durch den Flur getrennt gegenüberlag, mit Erledigung von Briefen beschäftigt war. So kam es denn, daß ich van der Dymen zuerst empfing. Der Holländer war ein sympathischer Herr. Trotz seiner Erregung und seines Schmerzes um den Verlust seiner Tochter schilderte er mir das Vorgefallene kurz und übersichtlich. Wir hatten in Harsts Arbeitszimmer Platz genommen, und Dymen lehnte weder die Zigarre noch den Kognak ab, die ich ihm anbot, da er einen recht erschöpften Eindruck machte. Dann trat Harald von seinem Schlafzimmer herein, wo er sich umgezogen hatte. Er begrüßte den Holländer mit liebenswürdiger Teilnahme. »Ich kenne Ihre Leidensgeschichte, Mynheer van der Dymen,« erklärte er sogleich. »Die Zeitungen haben darüber recht eingehend berichtet. — Sie sind verheiratet und haben nur ein Kind, eine Tochter von neunzehn Jahren namens Mabel. Mitte Mai hatten Sie sich zu einer dreiwöchigen Kur nach Bad Kissingen begeben. Dort lernten Sie ein Ehepaar von Groening kennen, einen Major a. D., reizende Leute, mit denen Sie und die Ihrigen dann täglich zusammenwaren. Der Major lud Sie nach Beendigung der Kur zu sich nach Berlin ein. Sie reisten