1. Brunhild.
Die Ränder des kleinen Sees liegen im Schattendüster ihrer Weidenumbüschung, aber gegen die Mitte des kaum merkbar gekräuselten Wasserspiegels hin glüht eine rotgoldene Lichtmasse, von der höher und höher über die östlichen Berge emporsteigenden Morgensonne dorthin geworfen. Auf dieser lichten Stelle haftet, kaum weniger strahlend, ein großes dunkles Mädchenaugenpaar, welches unter einer prachtvoll gebauten Stirne träumerisch hervor- und auf den See niederblickt. Sie ist fast zu bedeutend, zu gedankenmächtig modelliert, diese Stirne. Sie würde das Haupt eines Mannes zieren, während sie die Harmonie der Schönheit ihrer Besitzerin mehr stört als erhöht. Überhaupt ist diese Schönheit eine durch Kontraste wirkende. Das germanische Haar mit seinem Goldschimmer stimmt nicht zu den dunkeln Brauen von orientalisch kühner Schweifung, welche sich mitunter an der Nasenwurzel zu einem Ausdruck des Stolzes und Trotzes zusammenziehen, der mit dem anmutigen Lächeln des reizend geschnittenen Mundes gar nicht zu reimen ist. Auch die schwarzen Augen mit ihrem intensiven Sammetglanz müssen fast wie Fremdlinge erscheinen in einem Antlitz, auf dessen durchsichtiger Weiße das Inkarnat frischester Jugendblüte liegt wie das Morgenrot auf dem Firnschnee. Und doch, trotz alledem, muß die Erscheinung der jungen Schönen, wie sie so dasitzt auf der Bank am Fuße des halbzerfallenen Wartturms der Burgruine,