22. November 1917
Werteste, Sie sind ein prächtiger Mensch! Wenn ich verraten muß, daß Ihre frischfrommfröhlichfreie weibmenschliche Art einen entzückenden Eindruck auf mich gemacht, werden Sie nicht allzu verwundert sein darüber, daß ich Ihnen zusegle. Ich glaube mich nicht getäuscht zu haben, wenn ich denke, daß Sie der rechte Mensch sind, der eines verschlossenen Mannes offene Rede zu verstehen, würdigen und bewahren weiß. Es ist die norddeutsche Art von Natur her, daß die Zunge nicht sagen kann, was das Innere spricht. Sehen Sie, so per Distanz geht's besser. Wir wollen alle leben! Miteinander. Ist der nicht des Mitgefühls wert, den sein ganzes Ich zum Einsamsein zwingt? Viel sind der Bemühungen des Armausreckens zu den andern – doch was hilft's, wenn der Gegenhändedruck sich versagt und das eigne Innere sagt: wende dich um, wende dich wieder in dich. Und dennoch! Wir wollen alle leben miteinander. Mehr noch als sonst, bin ich jetzt im auflösenden Kriege allein. Allein im Schützengraben, von der Welt abgeriegelt. Könnten Sie die weibweiche Ergänzung zu männlicher Härte, Bereicherung und Aufhebung der Einsamkeit sein – könnte ich von Ihnen als ein Geschenk das Versprechen Ihrer Mitteilsamkeit mit hinausnehmen – ich würde aufgelockerter und froher die Tage um mich fühlen. – Wissen Sie, es hat keinen Zweck, schneckengleich Fühlhörner auszustrecken, schweifwedelnd oder gar schmeichelnd sich