Bohème
Als Thomas Kiriel, der Graveur, mir seine Studien gezeigt hatte, ergriff mich Bewunderung für die Arbeit dieses Menschen, der, erst neununddreißig Jahre alt, mit seiner vornehmen, der reinen Schönheit dienenden Kunst, das Glück und den Erfolg zu sich gezwungen hatte. Er hörte mich lächelnd an und sagte mit der Miene des Bedauerns: »Ach, hätte ich doch meine schöne Jugendzeit nicht vergeudet!« Ich war sehr erstaunt, denn ich wußte, daß er seit Jahren rastlos, von vier Uhr morgens bis in die Nacht hinein, arbeitete, sich kaum Zeit zum Essen gönnend. Er aber sagte, indem er seine hölzerne Pfeife stopfte: »Ich habe dasselbe Luderleben geführt, wie die anderen, sehen Sie! Mit zwanzig Jahren habe ich ahnungslos Intelligenz und Gesundheit in stupiden Lumpereien vergeudet, indem ich wie ein Kutscher trank und mit armen meist hysterischen Frauenzimmern Verhältnisse hatte. Da ich sehr arm war, erschien mir dieses stolze Bohème-Leben als mein gutes Recht; die Reichen amüsierten sich doch auch. Erst später verstand ich, daß nur eine einzige Sache die Armut entschuldigt und zu Ehren bringt: nämlich die Arbeit. Und wissen Sie, wieso mir diese einfache Wahrheit aufgegangen ist? Das will ich Ihnen erzählen.« Seine Pfeife hatte guten Zug; er sog die ersten vollen Züge ein, an denen sich der richtige Raucher am meisten erfreut. Dann nickte er mit dem Kopf und begann, nachdenkend und vertraulich: