Blind und doch sehend
Hat so ein Jünger Aeskulap’s seine Medicin „durchaus studirt mit heißem Bemühen“ und zwar nicht blos als eine „melkende Kuh, die ihn mit Milch und Butter versorgt,“ sondern aus warmer Begeisterung für den ärztlichen Beruf, und tritt er nun in das Leben hinaus – mit welchen hochherzigen Träumen begrüßt er den Ort, den er sich zum Wirkungskreis erkor! Wie sieht er sich im Geiste schon als rettender Engel walten in den Häusern der Preßhaften und Elenden! Und sein Busen schwillt höher als je von Begeisterung für seinen edlen Beruf. Aber nur zu oft ist dieses Busenschwellen an der Schwelle seines Wirkungskreises sein letztes Glück, und eine fürchterliche Wirklichkeit voll Sorge, fruchtloser Mühe und fehlgeschlagener Hoffnungen läßt ihn ferner zu keinem freudigen Aufathmen kommen. So erging es dem jungen Doktor Rudolf Grimm, der vor etwa zehn Jahren aus der luftigen Kaiserstadt an der Donau, wo er nach bereits bestandenem Staatsexamen noch einen praktischen Cursus in den dortigen berühmten klinischen Anstalten gemacht hatte, heimkehrte in seine Vaterstadt, einen großen nordostdeutschen See- und Handelsplatz, um da seine Laufbahn als prakticirender Arzt zu beginnen. Im Bewußtsein seiner Tüchtigkeit fühlte er sich zu der Hoffnung berechtigt, bald eine Praxis zu gewinnen, die ihm wenigstens ein bescheidenes Auskommen gewährte. Ganz und gar an seine Wissenschaft hingegeben, war er der