Episteln an einen Freund
Mein lieber alter Feind! Ich bin förmlich gerührt von der Freundlichkeit, welche Ihre gestern eingelangte Zuschrift mir erweis't. Da rede noch einer vom »preußischen Hochmuth« und von der »berliner Selbstgefälligkeit«! Sie erinnern sich vielleicht, daß ich Ihnen schon im letzten Sommer bei unserer Begegnung in Ragaz inbetreff Ihrer erstaunlichen und erstaunenden Verwandelungsfähigkeit mein aufrichtiges Kompliment gemacht habe. Sie haben sich dazumal in der That groß benommen, wissen Sie? Ich hatte Sie sofort erkannt, als Sie die Terrasse vor dem Kursal entlang kamen. Allein die verschiedenen Bändelchen in dem Knopfloch Ihres Ueberziehers flößten mir einen Respekt ein, als wäre der »Grüne Esel« aus Immermanns »Münchhausen« leibhaftig auf mich zugekommen, und erregten in mir ein so zu sagen Distanzgefühl, welches »entfernte die Vertraulichkeit«. Sie aber stiegen von der »Würde« und »Höhe« Ihrer königlich preußischen Tschin-Skala hernieder, geruhten mich – nach so vieljähriger Trennung! – wiederzuerkennen und begrüßten mich sogar mit etzlicher Emphase als »liebwerthen Mitbürger im neuen Reiche«, mich, den Süddeutschen, den simpeln Schwaben, den notorischen Republikaner, einen vom »demokratischen Gewürme«, mit dem verwichenen Doktor Strauß zu reden, von welchem ich gelegentlich dieses singen und sagen will: Er starb, wie er gelebt, der große Tiftler, Nämlich als richtiger tübinger