Gestalten aus der Alltagswelt
»Ahnfräulein« oder »Ahnfrau« wird in einigen Gegenden Schwabens die Großmutter oder Urgroßmutter genannt, und unter diesem Namen möchte ich am liebsten eine meiner Vorfahren einführen, deren lebensvolles Bild mir heute besonders frisch vor die Seele tritt. Selten wird ein Leben weniger Wechsel der Scene geboten haben, als das der Ahnfrau. Von ihrer Geburt bis zum Tode, vom ersten bis zum vierundachtzigsten Lebensjahr, waren die Mauern einer und derselben kleinen Stadt der einzige Schauplatz ihrer Freuden und Leiden, ihrer ganzen Wirksamkeit, ein Schauplatz, den sie nur sehr selten zu kurzen Besuchen bei Geschwistern oder Kindern verließ. Und doch, wie mannigfache Bilder in diesem einfachen Rahmen! Welch frisches, lebenswarmes Gemüth, welch unverwelkliche Herzensblüthe hat sich auf einem Boden erhalten, den man sonst kaum für tauglich hält, um Küchengewächse darauf zu ziehen! Sie war einmal jung und schön gewesen, das Ahnfräulein, das ich nur noch als eingeschrumpftes Mütterchen gekannt, und sie ließ das nicht ungern merken, um so mehr, als das Conterfei, das noch aus ihrer Blüthezeit existirte, leider durchaus von keiner Meisterhand herrührte und einen gar unvollkommenen Begriff von ihren jugendlichen Reizen gab. Doch schaute selbst dieses mittelmäßige Machwerk mit der Rose in den gepuderten blonden Haaren und mit den lichtblauen Augen so freundlich drein, daß ein Bauersmann