Der unverfrorene Berliner
Wären die Gebrüder Grimm mit ihrem Wörterbuche bis zum Buchstaben U gediehen, so hätten sie sicherlich bei dem Worte „Unverfroren“ bemerkt: „mit diesem beiworte bezeichnet der Berliner einen menschen, der auch in dunkler zeit heitren Herzens und hellen geistes bleibt.“ – In den politischen Stürmen unverschnupft, unter dem Trucke staatsbürgerlicher Lasten nicht verknubbert, bei zwanzig Grad Pannaché nicht verkältet und bei dreißig Grad Hitze unverfroren – so muß ein richtiges Berliner Kind nicht blos sein, sondern auch sind. Der unverfrorene Berliner harrt sehnsüchtig des Tages, da sich die erste feste Kruste auf die trägen, durch und um die Residenz schleichenden Gewässer legt. Die Spree trotzt innerhalb der Stadt mit fast impertinenter Ruhe der Gewalt des Winters und läßt sich nur in besonders tyrannischen Jahren in eisige Fesseln schlagen; die Panke, ein kleines Bächlein, dessen Dasein sich weniger durch Wasser als durch böse Dünste verräth und das sich aus Melancholie – in die Spree stürzt, ist ein zu schmales Podium für den Eiskothurn; der Grüne, der Zwirn- und der Kupfergraben – und wie die Verzweigungen der Cloaca maxima von Berlin heißen – sind gar zu trübe Rinnsale und dem Berliner verhaßt wegen der himmelschreienden Sünden, durch die sie ihn während des Sommers corrumpiren und in schlechten Geruch bringen. – Draußen aber vor den Thoren bereitet der Winter die