Der Kandidat Baumann
An einem Vormittage im Juni 1754 sammelten sich vor einem am Alexanderplatze in Berlin gelegenen Hause, dem sogenannten Stelzenkruge, viele Menschen an, steckten die Köpfe zusammen und blickten bald zur offenen Haustüre hinein, bald zu den kleinen Fenstern hinauf und waren sichtlich sehr erregt. In dem kleinen zweistöckigen Hause wohnte seit Jahren eine Witwe Langenberg, die für sehr wohlhabend galt; ihr Mann, der schon seit längerer Zeit tot war, hatte einen großen Viehhandel betrieben, für die Armee Friedrichs des Großen bedeutende Ochsenlieferungen nach Schlesien übernommen und viel Geld damit verdient. Trotzdem hatte seine Witwe sehr eingezogen gelebt, in fast krankhaftem Geize immer noch mehr gespart und sogar ihr oberes Stübchen, um ja noch etwas zu verdienen, an einen Kandidaten der Theologie, einen gewissen Georg Baumann, vermietet. Diese Frau war es, welche die Menge vor dem Hause an jenem Vormittage so lebhaft beschäftigte. Sie war am Morgen nicht wie alltäglich in den benachbarten Milchladen gekommen, um sich ihr Kännchen Milch zu holen, und als um zehn Uhr ihre Aufwartefrau erschienen war, hatte diese die Türe zur Wohn- und Schlafstube noch immer verschlossen gefunden, auch alles Klopfen und Rufen war vergeblich gewesen, die Witwe hatte nicht geöffnet. Infolgedessen war die Aufwärterin zu den Nachbarn gegangen, hatte den sonderbaren Sachverhalt erzählt, und die