Der Erste Tote
Der Tote lag auf der Museumsinsel, auf den Stufen des Alten Museums, arrangiert wie eine klassizistische Skulptur. Die Arme waren ausgestreckt, die Beine übereinandergeschlagen, der Kopf leicht zur Seite geneigt — eine Pose, die Eva Brandt sofort erkannte, obwohl sie mehrere Sekunden brauchte, um sich einzugestehen, woher. Es war die Haltung des Sterbenden Galliers, jener berühmten Skulptur, die im Kapitolinischen Museum in Rom stand. Jemand hatte einen Menschen in ein Kunstwerk verwandelt, und die Sorgfalt, mit der es geschehen war, war erschreckender als die Tat selbst.
Eva ging in die Hocke und betrachtete das Gesicht des Opfers. Ein Mann, Mitte vierzig, gut gekleidet, keine sichtbaren Verletzungen bis auf einen winzigen Einstich am Hals, so präzise gesetzt, dass er ohne Lupe kaum zu erkennen war. Die Rechtsmedizin würde später feststellen, dass ein seltenes Muskelrelaxans zum Tod geführt hatte — schnell, schmerzlos, fast elegant, wenn man bereit war, Mord als etwas zu betrachten, das elegant sein konnte.
Die Spurensicherung fand nichts. Keine Fingerabdrücke, keine DNA, keine Fasern, keine Fußspuren auf dem frisch gereinigten Stein. Es war, als hätte der Täter nicht existiert — als wäre das Opfer von allein in diese Position geraten, geführt von einer unsichtbaren Hand, die alles geplant hatte und nichts dem Zufall überließ. Eva stand auf, zog ihre Jacke enger um die