Benno und Kriemhilde
Benno Fichtner hieß er und war ein Rechtspraktikant. In Niederbayern aufgewachsen, besaß er zwar viel Gemüt, aber wenig Schliff. Als der Sohn eines wohlhabenden Hauses war er für elegante Kleidung eingenommen und für seine Wäsche, aber nicht für elegante Manieren und seine Sitten. Er war – unter uns gesagt – ein bißchen rauh, hielt sich aber für ziemlich liebenswürdig und glaubte an seine Gabe, allenthalben zu gefallen. Eines Tages nahm er seine neue Joppe, seinen grünen Spitzhut, seinen Bergstock und ging ins Gebirge. Er ging, wie es seine Art war, allein, denn er fand nicht leicht einen Gefährten, der sich in seine Weise schicken mochte, und eine andere gefiel ihm nicht. Sein Gebiet war das Tal von Schliersee und von Bayerisch Zell. Auch über die Audorfer Almen ging er gerne. In jenem Tale und auf diesen Höhen hatte er die Zither spielen und manchen niedlichen Sang gelernt, wie ihn die Sennerinnen singen, wenn sie an schönen Sommerabenden vor den Hütten sitzen. Dieses Mal war er denselben Weg, war von Schliersee nach Bayerisch Zell gegangen, und von da nach der »Grafenherberg«, einer lieblichen Alm, hinaufgestiegen, um nach Audorf hinabzusteigen, und hatte eben jene schöne Stelle erreicht, wo der Wanderer aus dem Walde tritt und ihm plötzlich eine weite Aussicht aufgeht über Berg und Tal und der »Wilde Kaiser« vor ihm steht in all seiner Pracht. Dort finden sich bekanntlich