Barbarossa
Paul Heyse Barbarossa (1869) Nur einen Tag hatte ich droben in den Bergen bleiben wollen, und aus dem einen Tag wurden zwei Wochen, die mir in dem hochgelegenen, verfallenen Nest auf der Grenze des Albaner- und Sabinergebirgs – den Namen darf ich nicht nennen – rascher vergingen, als oft im bunten Getümmel großer Städte. Was ich eigentlich den lieben langen Tag anfing, wüßte ich kaum zu sagen. In Rom hatte mich ein Heißhunger nach Einsamkeit überfallen; den konnte ich hier stillen, nach Herzenslust. Es war im ersten Frühling, das Laub der Kastanien glänzte in der üppigsten Frische, die Schluchten waren voll Vogelgesang und Quellenrauschen, und da erst kürzlich eine große Räuberbande, die diese Wildniß unsicher gemacht, zum Theil aufgehoben, zum Theil in die Abruzzen gejagt worden war, konnte ein einsamer Wanderer die verlorensten Klippenwege sorgenfrei erklettern und sich ungestört den tiefsinnigsten Betrachtungen hingeben. Mit den deutschen Malern, die in ansehnlicher Zahl die beiden elenden Herbergen des Städtchens bevölkerten, hatte ich jeden Verkehr von vornherein vermieden, und das Bedürfniß, dann und wann seine eigene Stimme zu hören, das auch den Einsiedler treibt, mit seinen Haustieren zu plaudern, befriedigte ich zur Genüge im eigenen Hause. Ich wohnte nämlich bei dem Apotheker des Ortes, der mit meinem sehr mangelhaften Italienisch die größte Nachsicht hatte. Er