Der Mann, der die Depesche stahl
So elend er sich damals auch fühlte, er hatte doch noch Interesse für das merkwürdige Auslandstelegramm. Am Nachmittag suchte er dann Professor Grabert, Blinddarmspezialist, auf, lehnte meine Begleitung energisch ab und meinte, am besten wäre es, der Wurmfortsatz würde operativ entfernt, das Ding belästige ihn schon eine ganze Weile, er habe nur nicht darüber gesprochen. Seit heute nacht seien die Schmerzen jedoch bedenklich geworden. Daß Haralds Mutter in äußerster Sorge auf telephonischen Bescheid wartete, daß die Stimmung bei uns sehr gedrückt war, — kein Wunder weiter. Um sechs rief dann der Professor persönlich an. »Kein Grund zur Beunruhigung, vorläufig Bettruhe und genaue Beobachtung ...« Als Frau Harst und ich um halb sieben in Graberts Privatklinik eintrafen, fanden wir unseren Patienten im obersten Stockwerk in einem Zimmer mit Balkon untergebracht. Er lag im Bett, trug einen neuen dunklen Schlafanzug, hatte eine Eisblase auf dem Bauche und meinte bedauernd, die Depesche könnte unter diesen Umständen in den Papierkorb wandern. Inzwischen hatte unsere Mathilde bei ihren abendlichen Einkäufen schon dafür gesorgt, daß unser Kaufmann, der Briefträger und der Fleischer die betrübende Kunde als Allerneuestes weiterverbreiten konnten. Mathilde ist gewiß eine Perle, aber Perlen im Alter von etwa sechzig pflegen nicht mehr ganz dicht zu halten. Wir merkten dies, als wir gegen