Cavour
(Heidelberg 1869) Der Gegenwart klingt es wie ein Märchen aus verschollenen Tagen, daß einst Goethe mit seinem Eckermann alles Ernstes über die Frage streiten konnte, ob Napoleon zu den produktiven Menschen zu zählen sei. Doch als ein Nachhall aus jener reichen Zeit, da unser Volk seinen Herrscherthron in den Wolken suchte, besteht noch heute in den Herzen der edleren Deutschen die stille Neigung, das Leben, auch das politische Leben mit dem Maße des Schönen zu messen. Unter den Frauen vornehmlich lebt weit verbreitet der liebenswürdige Irrtum, als ob die reinste Blüte der Menschlichkeit allein im Kreise der Dichter und Denker sich entfalte. Wir verstehen nicht leicht, daß das politische Talent eine von allen anderen menschlichen Gaben wesentlich verschiedene Kraft des Geistes ist. Wir fühlen uns erkältet vor dem Bilde eines Staatsmannes, dem die politische Tat der ganze Inhalt des Lebens, nicht bloß, wie unserem Wilhelm Humboldt, ein Ringplatz war, darauf er die allseitige Ausbildung seiner schönen Seele bewähren konnte. Dem Staatsmanne winkt, derweil er schafft, jeder Glanz des Daseins; alle Leidenschaften des Tages folgen seinen Spuren, sein Name weicht nicht aus dem Munde der Menschen. Sobald er die Augen geschlossen hat, dauert nur ein schwaches Abbild seines Wesens, verblaßt und oft entstellt, in dem Gedächtnis der Nachwelt. Der Künstler geht im Leben als ein geringer