Erstes Kapitel
Ein junges Mädchen stand in einer Mondnacht des Juni am offenen Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Es ist eine Weile her, fast dreißig Jahre. Die Häuser gegenüber, deren eines ein Hôtel zu sein schien, obschon keine der zweioder dreisprachigen Firmen, welche in Deutschland üblich sind, von dieser seiner Bestimmung Meldung that, lagen hell wie am Tage; der wassergefüllte Canal, welcher an Stelle des sonstigen Fahrweges die Mitte der Straße bildete, lief zur Hälfte schon im Schatten der einen Häuserreihe, während die andere mit blitzenden Wasserstreifen im Mondscheine lag, welche das Hingleiten des fließenden Wassers an der aufgemauerten Uferwand verursachte. Eine wunderliche Straße – eine Straße wie in der Märchenstadt Venedig, nur daß keine schwarze Gondel darüber glitt, weich und schattenhaft, und daß die Wasser nicht Meereskinder waren, welche neugierig durch die Wohnungen der Menschen hin plätscherten, sondern einem Bache angehörten, bis zu dessen Ufern sich zwei Theile einer Stadt einander genähert hatten. Die Trottoirs an den Seiten waren schmal; mehr als vier Menschen hätten sie bequem nebeneinander nicht passiren können. Die Häuser zeigten die im Bergischen übliche Bauart; die meisten hatten eine glatte Front, welche mit Schiefer schuppenartig belegt war, und grüne Läden oder Jalousien, darüber unförmliche Riesendächer. Nur das Haus, in welchem das junge