Chapter

Auf nie erstiegenem Gipfel

Nahrn in Tirol, wo ich meine Sommerfrische hielt, schlief, trank und Gedichte machte, ist nur eine Haltestelle der Südbahn, und man darf mit dem Auswählen einer Wagenabtheilung nicht allzuviel Zeit verlieren. Das ist unangenehm, wenn der Zug sehr voll ist, wie es heute wieder der Fall war, als ich meinen Ausflug in die Dolomiten unternahm. Es schien wahrhaftig kein Plätzchen mehr frei zu sein, auch Niemand hier auszusteigen. Ich spähte unruhig von Wagen zu Wagen. Da kam mir eine unerwartete Hülfe oder doch ein Wink, wie ich selbst mir helfen könne. Aus einem Fenster flog in großem Bogen ein Koffer heraus und plumpste in den Sand; gleich darauf ward die Thür aufgerissen, und ein junger Mensch sprang mit einem Zetergeschrei hinter ihm her. »Ich werde mich beschweren! Ich werde mich beschweren!« hörte ich ihn jammern und drohen. Ich aber, durch den Kampf ums Dasitzen verroht, dachte an nichts, als mich des leer gewordenen Platzes zu bemächtigen, und strebte nach der offenen Wagenthür. Da trat mir in deren Rahmen ein Schreckbild entgegen, das wohl einen Muthigeren hätte verscheuchen können als mich, der ich der Leier zarte Saiten mehr, als ich verantworten kann, doch nie des Bogens Kraft gespannt: eine beleibte Dame in mittlerem Lebensalter mit einem hochgerötheten Antlitz voll so zusammengedrängten Ingrimms, daß ich erschrocken zurückfuhr. Ich habe selten so etwas gesehen; mein

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