Am Allerseelentag
Der Sommer war kalt und unfreundlich gewesen. Aber ein milder, sonniger Herbst schien alles Ungemach der grauen Regenmonate vergüten zu wollen. Der leichte Reif, der in der Frühe die Wiesen überflimmerte, wurde von den kräftigen Sonnenstrahlen eilig aufgesogen, so daß die dichtsprossenden Zeitlosen nur wie von einem gelinden Thau erquickt desto üppiger blühten. Um Mittag webte eine zauberhafte Milde und Stille um die Waldwipfel, aus denen schüchterner Vogelgesang herabklang, als gälte es schon wieder den Frühling anzukündigen. Hie und da aber taumelte ein rothes oder gelbes Laub aus den stark gelichteten Zweigen durch die windstille Luft, und bei allem Leuchten und Glänzen zwischen Himmel und Erde ging jener Hauch einer süßen Schwermuth durch die Welt, der das letzte Aufglühen jeder Lebensflamme zu begleiten pflegt. Die Tage aber waren von diesem Johannistriebe der Natur so verklärt und die frischen Nächte so sternhell, daß es unmöglich schien, in die Stadt zurückzukehren, ehe man die Neige dieses seltenen Nachsommers ausgenossen hätte. Zum ersten mal hielt uns unsre ländliche Wohnung über den ganzen October fest, und es war mir nicht unlieb, auch einmal den Allerseelentag »am Land«, wie man hier sich ausdrückt, zu erleben. Denn die städtischen Friedhöfe entbehren an diesem Tage nur allzusehr der weihevollen Stille, die einem Fest der Todten gebührt. Nicht als ein schlichtes