Aus den Tagen der Königin Luise
Unter all den hohen, in gotischem Stil erbauten Häusern, mit den weit übereinanderhängenden Stockwerken, den vorspringenden Erkern und den reich verzierten Giebeln der vormaligen Reichsstadt Hohenstein nahm sich das große, stattliche Gebäude an der Ecke des Marktplatzes, das in französischem Geschmack gehalten war, fremdartig und besonders aus. Die lange Reihe der durch Pilaster voneinander getrennten Fenster, das schön geschmückte Portal, die kunstreichen Simse und Friese, das niedrige Dach, das mit Bildsäulen gekrönt war, alles stand im Gegensatze zu den übrigen mittelalterlichen Bauwerken, und der Blick des Fremden fiel sicher zuerst auf dieses Haus und veranlaßte dann eine Erkundigung nach dessen Besitzer. Eine solche Frage vermochte jedes Kind in Hohenstein zu beantworten, denn der Hofrat Märtens gehörte zu den ersten und angesehensten Bürgern der Stadt, und die Familie hatte sich seit vielen Jahrhunderten rühmlich ausgezeichnet. Der Urgroßvater des Hofrats war der Erbauer des Hauses gewesen; er hatte weite Reisen gemacht und sich namentlich in Italien und Frankreich lange aufgehalten, denn er hatte vom Kaiser hohe persönliche Gunst genossen und war von ihm einer Gesandtschaft nach diesen Ländern beigeordnet worden. Als er dann in seine Vaterstadt zurückkehrte, um dort als kaiserlicher Rat zu leben, hatte ihn das alte Familienhaus – mit dem weiten Treppenhause, dem