Dietwald Wernerkin - Erstes Kapitel
Es ist ein bedenkliches Unterfangen, ein Bild aus der Mitte des 14. Jahrhunderts vor Augen stellen zu wollen. Alles in der Zeit Vorhandene ruht auf einer Vergangenheit, aus der es geworden, und doch erscheint alles noch wie in einem ersten Anfang. Kaleidoskopisch verändert jeder Moment das an Farben und Formen tausendfältige Gemenge. Zwischen andauernden Grundlagen des Alten wächst das Überlieferte nach allen Richtungen neugestaltig aus, eine ungeheure Kraft des Werdens treibt in den Wurzeln alles Lebens. Gleichartige Abkömmlinge ihrer Väter liegen in der Wiege, aber wie ihre gemeinsame Amme, die wilde Zeit sie mit einer geheimnisvoll nährenden Milch großgesäugt, gestalten sich aus ihnen neue Menschen mit neuem Willen und neuen Gedanken. Das Herkommen zwängt sie in die alte Geistestracht hinein, doch die Nähte derselben werden ihrem kraftstrotzenden Wachstum zu eng und die wuchtigen Glieder zersprengen ihr fesselndes Gewand. Überall tritt dem Blick das Recht nur als ein Spielzeug der Macht entgegen, und das Gefühl der erwachenden Stärke treibt jeden zur Selbstwahrung seiner Lebensberechtigung an. Dieser Drang aber erweitert zugleich sein Verständnis; der einzelne erkennt sich als ohnmächtig und sucht Förderung seines Trachtens im festen Anschluß an Gleichgesinnte und Gleichgestellte. So vereinigen sich, besonders in den Städten, die getrennt Schwachen zu starker, verhafteter