Erstes Kapitel
Zur Sommerszeit, wenn die Sonne ihre heißesten Strahlen ins Dreisamtal sendet und selbst die dicken Mauern meiner Kalthäuser Zelle durchdringt, flüchte ich mich öfters hinaus in den Wald. Ich nehme dann jeweils den Stuhl mit, der innerhalb der Gartenmauer unter dem Lärchenbaum steht, und setze mich an eine recht düstere Stelle. Hier unter dunkeln Tannen weilt kühler Schatten. Die Vögelein ruhen; ringsum ist heilige Stille. Nur drüben in einer kleinen Schlucht murmelt leise ein Bächlein, und droben durch die hellgrünen Buchen zittert das Sonnenlicht herab auf Moos und Stein. Ich bin allein, oder ich glaubte wenigstens lange Zeit, es zu sein, bis eines Tages ein Wesen, das bisher stumm zwischen zwei großen Tannen saß, zu reden anfing. Ich war nicht wenig erstaunt, als dieses altersgraue Ding, mit einem grünen Röcklein angetan, plötzlich Leben gewann. Ich sah an ihm Augen, einen Bart und eine mächtige Römernase, auch einen breiten, dünnlippigen Mund. Aus diesem Munde aber kamen, während ich still brütend zu ihm hinschaute, plötzlich die folgenden Worte: Schon oft hab' ich dich, armes Menschenkind, hier sitzen sehen und dich seufzen hören und dir im Gesicht abgelesen, daß du nicht zu den Glücklichen dieser Erde gehörst. Ich kann dir's nicht verübeln. Ich bin uralt und habe schon zahllose Wesen kennen gelernt, aber außer mir niemals eines, dem Leid und Schmerz erspart geblieben