Geleitwort und Aus den Erinnerungen meiner Mutter
Wer sich an die Darstellung des eigenen Lebens wagen will, muß zu tiefer innerer Reife gelangt sein. In scheinbar unbeschwerten Erinnerungen liegt oft unsagbar viel suchendes, ringendes Leben verborgen. Geist und Gemüt bedürfen des Aufschwungs zum Licht und zum Frieden, ehe die Hand zur Feder greifen darf, um das zu deuten, was dem Leben Wert verlieh, für sich selbst und für andere. Von diesem höheren Standpunkt aus erkennt das Ich zwischen vormals zufälligen, unbedeutenden Vorfällen bedeutungsvolle Beziehungen; es erfaßt mit zunehmender Deutlichkeit ein Bild, das es sich bewußt ist, nicht selbst entworfen zu haben. Der Einfluß vieler, verschiedener Personen in ihrer Eigenart und in einem der eigenen Person vorbestimmten Maße wird offenbar. Alles Erlebte, und noch vielmehr alles Erlittene fügt sich nun in einen Rahmen, während das Leben sonst überschattet bleibt von der ungelösten Frage: Warum hat es so sein sollen? In einem Rückblick auf das eigene Leben spricht Edith Stein den Gedanken aus: „Was nicht in meinen Plänen lag, hat in Gottes Plan gelegen“. Der Gipfel inneren Lebens muß erreicht sein, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Wir, die um den Weg dieses Lebens zum Opfertod wissen, neigen das Haupt vor dem Licht, das in diesen Worten aufleuchtet. Gleich der Sonne des neuen Tages, die sich in früher Morgenstunde durch wachsende Helle ankündigt, allmählich den Himmel in