Unsere kleine Stadt
Fremde werden heute die kleine weltvergessene Stadt wahrscheinlich sehr langweilig finden, wenn sie durch irgendeinen Zufall dorthin verschlagen werden sollten. Wir Kinder aber fanden an unserem Wohnorte nichts auszusetzen. Wohl waren die Häuser krumm gebaut, mit verzogenen Giebeln und windschiefen Schornsteinen; aber wir wußten von jedem, der darin wohnte. Wir kannten den Besitzer, seine Frau, seine Kinder, wir wußten, wo ein Kleines geboren, wo eins gestorben war, und an allem nahmen wir teil. Wir wußten sehr gut, wie es war, wenn man auf den Zehen in ein halbdunkles Zimmer trat, um in eine verhängte Wiege zu blicken. In dieser Beziehung bildeten wir uns auf unser sachverständiges Urteil etwas ein; denn auch bei uns kam der Storch aller zwei Jahre, und wir wußten genau, wieviel »es« wiegen mußte. Dafür sorgte mein ältester Bruder, der jedesmal, sobald ihm das Familienereignis bekannt geworden war, mit einer altmodischen Wage, einem sogenannten »Besemer«, in die Wohnstube huschte und zur Verzweiflung der Wärterin nicht eher fortging, bis »de oll Lütt«, so hieß das Jüngste immer, gewogen war. Unser Ältester begründete seine Forderung damit, daß die Jungen in der Schule doch wissen müßten, wieviel der kleine Bruder an Gewicht mitgebracht hätte. Bei uns kamen nämlich meistens Jungen, und als einer meiner Brüder einmal gefragt wurde, wieviele Kinder sie wären, antwortete er: Acht