Erstes Kapitel
Es war der Tag der Sonnenwende. Purpurglut lag auf den Höhen. Ueber dem St. Moritz-See durch das schimmernde Engadin flammte der Sonne Glut. Majestätisch ragten der Piz Rosatsch und der Piz Surlet mit ihren bläulich schimmernden Gletschern in die klare Luft. Wie ein Traum kam von fernher auf goldschimmernden Flügeln der Abend über das langgestreckte Hochtal, das sich von Maloja bis Samaden in gleißender Pracht dahin zog, einem flatternden Goldbande gleich, das einer stolzen Schönen den herrlichsten Schmuck verlieh. Auf einer mit kostbaren Blumen geschmückten Terrasse des Kurhauses in St. Moritz-Bad genossen zwei Frauen den herrlichen Rundblick. Die eine war jung, kaum dreißigjährig. Eine Fülle des köstlichsten Blondhaares umgab das reizvolle, stolze Gesicht mit den großen grauen Augen, die sehnsüchtig über dem See die schneebedeckten Berge suchten. Die andere, die eifrig an einer großen, grauen Reisedecke strickte und keinen Blick für die großartige Szenerie vor ihren Augen hatte, war klein und rundlich, in der Mitte der sechziger Jahre. Ihre klaren, blauen, gutmütigen Augen streiften zuweilen besorgt die ihr gegenübersitzende elegante Frauengestalt, und jedesmal, wenn sie gewahrte, daß ihr blondes Gegenüber noch immer den Blick so verloren in die Landschaft gerichtet hielt, seufzte sie ganz vernehmlich auf. »Fehlt dir etwas, Tante Malchen?« fragte die junge Frau endlich. »Gott