Auf Abbruch
Es war in Cadiz, an einem wunderschönen Maitage, in später Nachmittagsstunde, als die Seebrise kühl zu wehen begann. Ich saß im Freien vor dem Café del Correo und las eine Ortszeitung. Da erregte auf dem schmalen Balkon des Hauses gegenüber eine weibliche Gestalt meine Aufmerksamkeit. Sie saß hinter dem halb herabgelassenen Rollvorhang aus grünen Holzstäbchen, der ihren Oberleib verbarg. Ich konnte nur hören, wie sie mit hohen Kopftönen eine Copla sang, deren Worte deutlich über die Straße zu mir herüberflogen: »Me casé con un viejo por su moneda La moneda se acaba, Y el viejo queda...« »Einen Alten freit ich, ach! Seinem Geld zu lieb – Von dem Geld ist nichts mehr da, Doch der Alte blieb.« War sie schön oder häßlich, jung oder alt? Das sah ich nicht. Ihre Stimme klang reif und sie betonte ihre wilde arabische Weise mit einer Bitterkeit, die in die Seele schnitt. Das war nicht der gewohnheitsmäßige Singsang einer Frau aus dem Volke, die zu ihrer Kurzweil bei der Arbeit gedankenlos ein Lied vor sich hin trällert, das war persönliches Wehklagen. Das war der Jammerschrei einer gequälten Kreatur. Und plötzlich erwachte in mir die Erinnerung an die schwermütigen Schicksale einiger heimgesuchten Menschen, die ich in meiner Jugend persönlich gekannt habe. *** Die Siefferts waren eigenartige Leute, von denen die Nachbarschaft viele Schnurren erzählte. Vater Sieffert war von Beruf