I.
Eine trübe, nebelige Nacht lag über die Häusermasse Hamburgs. Die feuchten Straßen waren wie ausgestorben, nur von Zeit zu Zeit hörte man die schweren Tritte der Wächter, die sich wie unheimliche Gestalten an den hohen Gebäuden hinbewegten. Die Glocken hatten die erste Stunde nach Mitternacht verkündet, als ein Mann, fest in einen Mantel gehüllt, den neuen Wall betrat, eine der schönsten Straßen, die nach dem verheerenden Brande im Jahre 1812 in der reichen Handelsstadt entstanden sind. Er ging so eilig über die breiten Trottoirs, daß ihm ein alter Diener, der ihn begleitete, kaum zu folgen vermochte. An einem der größten und prächtigsten Häuser blieb er stehen. Der Diener zog einen Schlüssel hervor, öffnete die schwere Thür, und ließ seinen Begleiter eine weite, matt erhellte Hausflur betreten. „Wo ist Herr Raimund?“ Noch ehe der Diener diese an ihn gerichtete Frage beantworten konnte, öffnete sich eine Thür, und ein junger Mann, bleich und zitternd, trat hastig heraus. „Doctor! Doctor!“ rief er leise, indem er sich ihm wie ein Verzweifelnder an die Brust warf, den Kopf auf seine Schulter senkte, und leise zu weinen begann. „Muth, Muth, mein lieber Freund!“ sagte mit bewegter Stimme der Arzt. „Wir Alle stehen in Gottes Hand, und er hat schon oft geholfen, wenn menschliche Kunst und Hülfe vergebens waren. Sie sind meiner Aufforderung gefolgt und von der Reise zurückgekehrt –