Chapter

Über den Menschen

1. Die poetischen Tugend-Virtuosinnen Jeder hüte sich vor poetischen Tugend-Virtuosinnen, nämlich er heirate keine davon! Diese moralischen Statistinnen, welche selten handeln, leben in der Täuschung, daß sie noch besser sind als alle benachbarten Schauspieler und Schauspielerinnen, bloß weil sie über diese mit feinem Gefühl lobend oder tadelnd richten. Es gibt nichts so Zartes, Schönes, Großes, zumal in der Vergangenheit, was sie nicht zu bewundern oder zu fordern wüßten von anderen; dieses Bewundern und Fodern aber steuert sie mit dem schönen Bewußtsein aus, daß sie die Sache selbst haben, etwa wie in Italien (nach Archenholz) einem, der eine Kostbarkeit lobt, diese nach der Sitte zum Geschenk angeboten (obwohl nicht angenommen) wird, das sich aber die Virtuosin selbst macht. Die Wärme ist schön, womit die Tugendsprecherin jede Aufopferung, sie werde ihr oder anderen gebracht, zu schätzen weiß, desto tiefer daher muß sie den Selbstsüchtling verachten, der ihr selbst eine zumutet. Sie liebt sie, anstatt den Menschen, desto inniger die Menschenliebe. Ja, die Statistin behält sogar auf ihrem Kanapee bei aller sitzenden Tugendlebensart Unparteilichkeit genug, um die geschäftigste Häuslichkeit einer Martha und jede emsige Gatten- und Kinderverpflegung zu bewundern, ja vorzuschreiben; denn sie weiß so gewiß, was sie in diesem Falle tun würde, falls sie etwas täte. So gleicht sie

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