Erstes Kapitel
Die beiden Gräfinnen v. Geyer schmückten sich zur Hochzeit ihres Bruders. Da die Räumlichkeiten im Vaterhause der Braut nur beschränkter Art waren, hatten die beiden Damen sich mit einem gemeinsamen Schlafzimmer begnügen müssen, an welches ein Raum stieß, den sie als »Salon« betrachten konnten. Die Gräfin Renate hatte nicht so viel guten Willen und stellte fest, daß diese Einrichtung, bestehend aus ein paar grünen Plüschstühlen, einem graubunten Sofa, einem Bücherschrank von Mahagoni, einem Schreibtisch von weißlackiertem Holz und einem Sofatisch, der braungebeizte Beine hatte, aus dem ganzen Haus erst für diese Gelegenheit zusammengesucht sein müsse. Ihre um ein Jahr ältere Schwester aber, die Gräfin Herdeke, meinte, daß diese zusammengesammelte Einrichtung ein wahres Glück sei, sie zöge Renatens Kritik auf sich, die somit von irgend einem andern Gegenstand abgelenkt werde. »Ach,« sagte Renate, »hier gäbe es so viel zu kritisieren, daß es gar nicht das Anfangen lohnt.« Sie kramte aus ihrem Koffer die Kleinigkeiten heraus, die ihre lilaseidene Toilette vollständig machen sollten, und legte sich Spitzentaschentuch, Handschuhe, Fächer und Schmuck zurecht. Ein Stück tat sie neben das andre, in pedantischer Ordnung, als sollte hier auf dem Sofatisch eine Ausstellung dieser Gegenstände stattfinden. Die Sonnenstrahlen, die im breiten Bündel zum Fenster hereinkamen, trafen einige