1. Kapitel: Die Kunstpfeiferin
»Ich hätte Lust, wieder einmal ein Varietee zu besuchen,« sagte Harald Harst zu mir am 25. Juni 1922 gegen halb acht abends. »Es gibt nichts, was für die Nerven so wohltuend ist, wie ein Varieteeprogramm mit seiner grotesken Abwechselung,« fügte er hinzu und nahm die Abendzeitung zur Hand. »Gehen wir in die Skala. Hier ist die Anzeige. Zwölf Nummern: Springphänomen Balfa Balla, Hasemanns dressierte Haustiere, Bull und Bibb, musikalische Klowns – und so weiter.« Ich hatte so den festen Argwohn, daß dieser Varieteebesuch kein bloßer Zufall, kein Entschluß, gegeben aus irgend einer besonderen Stimmung Haralds, sein dürfte. »Du hast bei diesem Besuch einen Hintergedanken,« meinte ich forschend. Harst war schon aufgestanden und drückte die Zigarette im Aschbecher aus. »Ich habe nur ein fabelhaftes Personengedächtnis,« erwiderte er. »Und das bezieht sich in diesem Falle auf wen?« »Wo waren wir gestern nachmittag fünf Uhr?« Man muß schon an Harald Harsts ganze Art gewöhnt sein, um aus seinen Gegenfragen die Antworten herauszuhören. Er hätte einen vorzüglichen Lehrer abgegeben, der seine Schüler nach seiner Methode zu schärfstem Nachdenken angehalten und ihnen die »Logik« besser beigebracht haben würde durch die Beobachtung der Umwelt als durch philosophische Spitzfindigkeiten. Er zwang zum Nachdenken. Er haßte jede Gedankenfaulheit. In seiner zuweilen bissigen Ironie sagte er oft: