Chapter

Fliedermuetterchen

Bebend vor Fieberfrost lag ein kleiner Knabe im Bett, weil er sich erkältet hatte. Er war mit nassen Füßen nach Hause gekommen, doch niemand konnte begreifen, wie das geschehen war, da es nicht geregnet hatte. Seine Mutter ließ die Theemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliederthee zu kochen, denn der wärmt. Zu gleicher Zeit trat auch der alte, muntere Mann zur Thüre herein, der ganz oben im Hause wohnte und völlig für sich allein lebte, denn er hatte weder Weib noch Kind, hatte aber die Kinder gar lieb und wußte so viele Märchen und Geschichten zu erzählen, daß es eine Lust war, ihm zuzuhören. „Jetzt trinke deinen Thee!“ sagte die Mutter, „dann erzählt dir der Onkel vielleicht auch ein Märchen.“ „Ja, wenn man nur immer gleich ein neues wüßte!“ versetzte der alte Mann und nickte gutmütig. „Aber wo hat denn der Kleine die nassen Füße herbekommen?“ fragte er dann. „Ja, wo er sie her hat,“ entgegnete die Mutter, „ist eben das Unbegreifliche!“ „Erzählen Sie mir ein Märchen?“ fragte der Knabe. „Ja, wenn du mir genau angeben kannst, denn das muß ich zuerst wissen, wie tief der Rinnstein da drüben in der Gasse ist, in der deine Schule liegt?“ „Gerade bis mitten an die Schäfte,“ sagte der Knabe, „aber dann muß ich schon in das tiefe Loch treten!“ 92 „Sieh, sieh! also da stammen die nassen Füße her!“ sagte der alte Mann. „Nun müßte ich freilich ein Märchen erzählen,

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