Chapter

Anbruch der Finsternis

Um elf sollte Hans-Heinz entlassen werden, jetzt war es fast ein Uhr, und Gerda saß immer noch einsam am Volant. Ein dutzendmal oder öfter, seit sie hier wartete, hat das schwere Portal des Festungsgefängnisses sich auf- und zugetan, oft hatte der Posten das Gewehr salutiert, wenn ein Offizier ein- oder ausging. Hans-Heinz war noch nicht erschienen. Wenn er kommt, wird der Soldat nicht mehr salutieren, dachte sie. Er war einmal Offizier, aber jetzt ist er gar nichts mehr. Sie hatte Angst vor diesem Wiedersehen mit einem Menschen, der ein ganzes Jahr Einzelhaft hinter sich hatte, einem jungen Menschen, der ein ganzes Jahr lang Not und Wut und Verzweiflung allein in sich hineingewürgt hatte. Kannte sie ihn noch? Kein unzensurierter Brief war während dieses Jahres zu ihr gekommen, nur diese öden vorschriftsmäßigen Liebesrapporte auf abgezirkeltem Zeilenraum, auf dem er ihr wöchentlich einmal hatte mitteilen dürfen, daß er gesund sei und keine Bedürfnisse habe und in Liebe ihrer gedächte. Viel anders waren auch die Briefe nicht gewesen, die sie ihm schrieb, sie hatten eine doppelte Zensur zu passieren gehabt, die des Festungskommandanten und die ihres Vaters, der jedes Wort belauerte, vor Angst und Argwohn, seine Tochter und damit er selbst könnten durch Briefe an diesen sehr gefährlichen, sehr unerwünschten, aber leider unentrinnbaren Schwiegersohn kompromittiert werden. Das

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