Chapter

Erster Theil

Von E. Marlitt. Die alte Frau Oberforstmeisterin war schon seit länger als einem Jahr verstorben. Ein Jahr ist für die Todten, die bekanntlich schnell vergessen werden, eine lange Zeit, und die alte Dame im Hirschwinkel hatte nach landesläufigem Ausdruck keinerlei „Freundschaft“[1] hinterlassen - es war um ihretwillen weit und breit auch nicht das kleinste Stückchen Trauerband gekauft und angelegt worden. Somit wäre ihr einsames Dasein wohl ohne Weiteres spurlos verlöscht, wie ein ausgeblasenes Licht, wenn sie nicht zeitlebens den starkmarkirenden Stempel einer Sonderlingsnatur getragen hätte - solche Signatur aber verflüchtigt sich nicht so bald für die Ueberlebenden. Die wenigen Dorfleute, die ihr Weg dann und wann am Gutshause im Hirschwinkel vorüberführte, guckten deshalb auch beharrlich nach dem Erkerfenster im oberen Stock und erwarteten steif und fest, daß der kleine Frauenkopf mit den weißen Ringellöckchen an Stirn und Schläfen und der Stahlbrille auf dem Nasenrücken beim Geräusch ihrer Schritte lebhaft herumfahre und durch die Scheiben sehe. Da hatte ja immer der scharfmusternde Blick, über die Brillengläser hinweg, jedes noch so ängstlich verheimlichte Loch im Aermel, jeden Schmutzflecken an den Schürzen und Weiberröcken, aber auch die stillste Leidensmiene sofort bemerkt, und je nachdem war ihnen ein Wort strengen Tadels, oder die Aufforderung, doch schnell einmal

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