Chapter

Erstes Kapitel

In der weltberühmten Schenke zur »Sirene« in Jena sah es traurig aus. Der Besitzer war gestorben; statt der vermuteten Reichtümer hatte er Schulden hinterlassen. Freilich Schulden in dem kleinen Maßstab der alten Zeit, etliche hundert Gulden, womit das Haus überlastet war. Aber es war auch in der Art der alten Zeit, daß die einzige Erbin der »Sirene«, Eva, die zwanzigjährige Tochter des verstorbenen Schenkwirts, fast ihr Herz abgedrückt wähnte durch den Gedanken an diese kleine Ueberschuldung, die ihres Vaters Gedächtnis verunehrte, den guten Ruf der Sirene auf lange Jahre befleckte und – sie selbst – Eva – vielleicht hinausstieß, daß sie ihr Lebtag Gesindebrot essen mußte. Im Hause wohnte noch die alte Großmutter, aber an ihr hatte Eva keinen Trost. Taub, stumpfen Geistes, der Welt abgestorben, saß sie in ihrem Winkel und spann, sie hatte kein Auge mehr für das Gegenwärtige; sie war nur noch ein Schattenbild vergangener Tage, das gespenstisch seelenlos unter den Lebenden umging. Da konnte die arme Eva keine andere teilnehmende Seele finden, als den zeitweiligen Reichsverweser der »Sirene«, den jungen Küfermeister Friedrich Ritter. Er hatte schon lange bei des Vaters Lebzeiten in den Kellern gewirtschaftet und dann auch über der Erde die Schenke so leidlich in Rand und Band gehalten. Er war ein frischer Bursche, rührig, heiter, voll Selbstvertrauen, und unvermerkt war er mit

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