Amaryllis
Sie war die Kleinste von allen ihres Alters, klein und schmal und mit einem grauen Mausgesichtlein. Es war eigentlich gar nichts an ihr, das der Rede wert gewesen wäre, nichts als ein paar große, graue Augen, mit denen sie für gewöhnlich still und pflichttreu in die Welt hineinsah, als ob es darin gar nichts gebe, als demütiges Sich-schicken und schweren Ernst. Der Lehrer wußte noch etwas anderes von diesen Augen. Er wußte, daß sie in Freude aufleuchten konnten und in Begeisterung blitzen, und daß sie aussehen konnten wie ein schwarzer, tiefer See, wenn etwas Trauriges, Schweres, Unbegreifliches vor sie kam. Er hatte sich allmählich daran gewöhnt, nach diesen Augen hinzusehen, wenn er wissen wollte, welchen Eindruck seine Worte machten. Eines Tages fehlten sie. Er hatte sich unwillkürlich auf die Seite gewandt, wo ihr Platz war, und unterbrach sich mitten im Satz: »Wo ist Rebekka?« Sie wußten es nicht; niemand wußte es. Es waren vierzig Kinder in der Schule, achtzehn Buben und zweiundzwanzig Mädchen. Rebekka war das dreiundzwanzigste. Sie war ein fremdes Kind in Hardthausen, obgleich sie schon seit fünf Jahren hier war. Der alte Händler Eisig Rosenlaub hatte sie eines Tages mit sich heimgebracht von einem seiner Geschäftsgänge in der Stadt drinnen. Sie sei ein Judenkind, sagte er, obgleich sie nicht aussehe wie andere Töchter des Reiches Israel. Sie sei mit anderen armen